Was steckt eigentlich hinter Männlichkeitsforschung?

Populäre Ratgeber und Printmedien aller Segmente zeichnen seit geraumer Zeit ein Bild zur Krise des Mannes nach. Auf der einen Seite werden dabei Feministinnen als Gewinnerinnen hochstilisiert – auf der anderen Männer als Bildungsverlierer und Auslaufmodelle denunziert. Die wohl renommierteste Männlichkeitsforscherin Raewyn Connell bezeichnete diese Art der „Diskussion“ auf der Männertagung 2011 in Graz als „wissenschaftsfreie Zone“: Männlichkeitsforschung sei etwas anderes.

Was denn nun?

Im Grunde beschäftigen sich MännlichkeitsforscherInnen mit der Konstruktion von Männlichkeiten; also damit, wie Stereotypen zu bestimmten Männertypen zustande kommen und welche Auswirkung dies auf z.B. die Arbeitwelt hat. Wenn beispielsweise traditionelle „Männerberufe“ aufgrund der zunehmenden Verlagerung von Produktionsstätten immer mehr am Verschwinden sind, und die „Muskelkraft“ dem Männer, die etwas auf sich halten, fürchten sich nicht vor Gleichberechtigungverlangten „Hirnschmalz“ weichen muss, dann muss wohl auch über eine Veränderung der Bildungsstruktur nachgedacht werden. Oder auch wenn das vielzitierte Alleinverdienermodell schon lange nicht mehr auf Grund der Wirtschaftslage funktioniert, Arbeitsmarkt und Betreuungseinrichtungen für Kinder und pflegebedürftige Personen deshalb auf einander abgestimmt werden müssen. Was hinter diesen Problemstellungen steckt, und wie sie gelöst werden können – auch damit beschäftigt sich die Männerforschung.

Sogesehen betrifft sie sowohl Männer als auch Frauen. Erich Lehner, österreichischer Männerforscher und ebenfalls Redner auf der Männertagung 2011 in Graz spricht deshalb auch ganz offen aus: „Männerarbeit muss immer pro-feministisch sein und Geschlechtergerechtigkeit als Ziel haben.“ Thomas Gesterkamp, deutscher Männerforscher und ebenfalls Vortragender auf der Tagung, fordert zudem andere Arbeitszeitmodelle, die Elternschaft ermöglichen. Er gibt zu denken, warum denn die Aufteilung der Berufsarbeitszeit 40 Stunden (Männer) zu 20 (Frauen) sein müsse, warum es nicht 30:30 sein könne. Gute Frage.

Medial haben diese und andere wichtige Fragen der zweitätigen Männertagung allerdings noch keine großen Wellen geschlagen – obwohl internationale Gäste und an die 250 BesucherInnen (mehrheitlich Männer) vertreten waren. Aufhänger bleiben leider Schlagzeilen wie „Heldendämmerung“ und „Die Krise der Kerle„.
Ein persönliches und detailiertes Statement zur Tagung finden Sie auf dem Blog der Denkwerkstatt, ein interessantes Interview mit Presse-Chefredakteur Michael Fleischhaker geführt vom nicht minder spannenden Blog-Portal babylog.at gibt’s hier zu sehen. In diesem Sinne: machen Sie sich ein Bild!

Über akzente

www.akzente.or.at
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Eine Antwort zu Was steckt eigentlich hinter Männlichkeitsforschung?

  1. Rolf Pohl schreibt:

    Auch ich bin der Meinung, dass Männerarbeit immer profeministisch sein sollte. Ob es nun der Arbeiter auf der Baustelle oder der männliche Vorstand im DAX-Unternehmen ist: seine Arbeit und die Ergebnisse sines Schaffens sollten immer unter dem Aspekt des „Nutzens für die Frau“ betrachtet und bewertet werden.
    Feminismuskritisches Gedankengut sollte unter keinen Umständen geduldet werden. In solchen Fällen wäre zu prüfen, ob nicht verfassungsfeindliches Gedankengut vorliegt und was allenfalls dagegen unternommen werden könnte. Hegemoniale Männlichkeit darf sich nicht artikulieren. Solches Ansinnen muss radikal getilgt werden, um eine wirklich geschlechtergerechte Gesellschaft zu verwirklichen.
    Frau Connell weist den Weg. Ihre klugen Analysen, ihre kritische Aufarbeitung männlichen Hegemonialstrebens und die von ihr daraus gezogenen persönlichen Konsequenzen sind vorbildlich. Es freut mich sehr, dass Frau Connells Schaffen endlich die verdiente Anerkennung erhält.

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