Vom Herd, der Gewalt und anderen Mythen

Die letzten Wochen waren medial und geschlechtertechnisch sehr spannend. So titelte die Kleine Zeitung am 29. November mit „Frauen an den Herd?“, und  ließ in der beschriebenen Studie von Paul Zulehner und Petra Steinmair-Pösl keine Zeile aus, um nicht ganz und gar verblüfft zu sein über den Anstieg an Frauen mit traditionellen Rollenbildern.
Lang und breit wurden in Prozentzahlen berufliche Ziele gegen das Mutterdasein aufgewogen, und mit Bildmaterial zum Kochen und Putzen garniert. Vergessen wurde dabei eine ausführliche Frage nach traditonellen und modern-eingestellten Männern, sowie auf das Gros der Befragten – nämlich Menschen, die unentschlossen sind oder sich pragmatisch entscheiden. Und vor allem fehlte das „Warum“.

Wir fragen die Frauenreferentin des AMS Voitsberg, Ingrid Haas, ob es nicht vielleicht auch mit der Wirtschaftskrise der letzten Jahre zu tun haben könnte, für welche Rollen sich Menschen beruflich oder privat entscheiden?———————————————————————————————————–

Ingrid Haas: „Zur Studie kann ich sagen, dass auch seitens des AMS festgestellt wurde, dass die Arbeitslosigkeit seit der Wirtschaftskrise weiblich ist. Das ist sowohl auf die teilweise fehlende abgeschlossene Ausbildung der Frauen, als auch auf das vorherrschende traditionelle Berufsbild zurückzuführen.
Deutlich geworden ist zusätzlich, dass Frauen seit der Wirtschaftskrise oft zugunsten der Männer (Partner) auf eine Berufstätigkeit verzichtet haben. Es gibt allerdings eine Studie, die besagt, dass 1/3 der Burschen ebenfalls zugunsten einer Familie auf den Beruf verzichten würden. Das hat sicherlich auch mit der Unsicherheit am Arbeitmarkt zu tun.
Im letzten Jahrzehnt haben Frauen einige männliche Domänen auf dem Arbeitsmarkt erobert. In konjunkturell günstigen Zeiten hat das gut funktioniert. Die Krise hat aber gezeigt, dass die Rolle der Frauen vor allem im nichttraditionellen Bereich viel zu wenig gefestigt war. Die Männer haben die Krise sehr gut überstanden, bei den Frauen waren wieder die VerliererInnen angesiedelt.
Im traditionellen Bereich gibt es nach wie vor zu wenig Stellen, für nichttraditionelle Berufe fehlt oft die Ausbildung und das Selbstvertrauen, und das wiederum drückt auf das rollenbedingte berufsbildliche „Selbstbewusstsein“ der Frauen und erklärt auch so manchen Trend in der Studie.“

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Am 10. Dezember endeten die offiziellen 16 Tage gegen Gewalt an Frauen. Wieder waren die Frauen im Blickpunkt der Medien. Opferzahlen wurden genannt. Jede 5. Frau sei von häuslicher Gewalt betroffen. Frauenhäuser gäbe es, um dieser Gewaltspirale zu entkommen, wird in den üblichen Tageszeitungen berichtet. Aber was ist mit jenen, die diese Gewalt ausüben? Und warum tun sie das überhaupt?

Christian Scambor aus dem Forschungsbüro der  Männerberatung Graz stellte dieser Tage gemeinsam mit Elli Scambor einen Bericht zur Gewaltresilienz bei Jugendlichen dem Verein White Ribbon vor. Wir wollten wissen, wie denn Gewaltprävention funktionieren kann, und welche Strukturen denn eigentlich zu Gewalt in der Gesellschaft führen?

Christian Scambor: „Im Grunde gibt es 1000 verschiedene Theorien über das Entstehen von Gewalt, wir konzentrieren uns in unserer Arbeit vor allem darauf, wo eine Veränderung möglich ist. Und das beginnt bei der Einstellungsänderung. Oft werden z.B. wir von Schulen für Workshops beauftragt, wenn schon etwas passiert ist. Wir arbeiten dann an einem sehr breiten Spektrum von Themen wie Sexualpädagogik, Macht, Identität, Geschlechterrollen uvm. Dabei kommt man schnell darauf, wie in der Gesellschaft festgelegt ist, was ein Mann ist, und wie auch für/von Jugendliche/n Männlichkeit konstruiert wird. Gewalt spielt dabei leider auch eine Rolle.
Ein anderes Beispiel wäre Risikoverhalten, dass auch Männern zugeschrieben wird und sich an Unfallstatistiken und Versicherungssummen wiederspiegelt. Es gibt sehr sehr viele kleine Elemente, die kulturell erzeugen, was männlich und was weiblich „zu sein hat“. Allerdings gilt „unser Modell“  nur für uns. Kulturhistorisch und soziologisch lässt sich aufzeigen, warum das so ist. Jegliche Vorbilder (ob Personen, oder durch Medien reproduziert), verschiedene Arten einer Arbeitsorganisation oder bestimmte Zuständigkeiten haben Einfluß auf unsere Rollenbilder; und somit auch auf die Verknüpfung Mann + Gewalt.
Insofern ist es wichtig, präventiv zu arbeiten, solche Konstruktionen zu hinterfragen und was Gewalt im schulischen Kontext betrifft: Regelsicherheit zu geben. Je transparenter Organisationen wie die Schule sind, desto weniger Gewalt wird gefördert. Eigentlich bräuchte es an vielen Stellen Arbeit an der Organisationsentwicklung, um Jugendliche nicht die Muster aus ihren Familien wiederholen zu lassen.“

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Mehr Informationen zur oben genannten Studie „Stamina“ finden Sie hier.
Welchen Einfluß Werbung beispielsweise ebenfalls auf Rollenbilder von Männern und Frauen haben kann, die sich wiederum in Gesundheit, beruflich oder privaten Prioritäten und dem Thema Gewalt wiederspiegeln, ist in folgendem eindrucksvollen Vortrag von Jean Kilbourne anzusehen (Englischkenntnisse notwendig).

Über akzente

akzente - Zentrum für Gleichstellung und regionale Zusammenarbeit www.akzente.or.at
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