Komfortzonen-Mama?

Liebe Anna,

die Diskussion mit deinem Vater Gottfried Hofmann-Wellenhof zum Thema „Mama in der der Komfortzone“ (Kolumne_in der Keinen Zeitung vom 04.03.2012: Mama in Komfortzone) hat mich dazu bewogen in unserem Blog Stellung zu beziehen. Es freut mich sehr, dass du als Tochter einer großen, wie ich aus den wöchentlich erscheinenden Kolumnen deines Vater entnehme, fast ausschließlichen AkademikerInnen-Familie kommend, derzeit das Gefühl hast, eine freie Wahl bezüglich deiner beruflichen Karriere und deiner Familienplanung zu haben. Doch die freie Wahl, die du momentan empfinden magst, haben viele Frauen meiner Erfahrung als Leiterin einer Frauen– und Mädchenberatungsstelle nach nicht.

Warum ist das so…?

Die klassische Familie ( gelebt als Ehe oder Lebensgemeinschaft mit durchschnittlich 1,4 Kindern) ist in der heutigen Zeit nicht mehr d a s Versorgungsmodell für Frauen. Zum einen können es sich sehr viele Frauen aus rein wirtschaftlichen Gründen nicht leisten zu Hause bei den Kindern zu bleiben. Zum anderen – und das sehe ich in meiner tagtäglichen Beratungsarbeit – wird es für Frauen vor allem mit niedrigen Bildungsabschlüssen, die sich entschieden haben für zwei und mehr Jahre bei den Kindern zu bleiben, zunehmend schwieriger nach ihrer Familienphase wieder in das Berufsleben zurückzukehren, ohne dabei große Abstriche hinsichtlich Karrieremöglichkeiten und/oder Verdienst machen zu müssen. Und zum dritten zeigt uns die Statistik deutlich, dass in Österreich fast die Hälfte aller Ehen noch vor dem 10. Jahrestag in die Brüche geht.

…die Armut (im Alter) ist eindeutig weiblich…

Auch der Wunsch vieler Frauen nach ihrer Karenz in Teilzeit zu arbeiten, birgt Gefahren, die sich erst im Alter, oft in einem sehr niedrigen Pensionsanspruch, richtig bemerkbar machen. So werden seit der Pensionsreform ab 01.01.2004 nicht mehr die besten 15 Einkommensjahre zur Berechnung der Bemessungsgrundlage der Pension herangezogen, sondern schrittweise die Durchrechnung des Lebenseinkommens auf 40 Jahre angehoben – zum Nachteil vieler Frauen, die aufgrund von Familienphasen Unterbrechungen ihrer Erwerbstätigkeit in Kauf nehmen (müssen).

Mehr dazu unter: http://www.forschungsnetzwerk.at/downloadpub/AMSinfo173.pdf

Berufskarriere und Kinderkriegen – ein Widerspruch?

Solange die berufliche Karriere und Kinder kriegen und diese auch zu erziehen im Widerspruch / in Konkurrenz stehen, wird sich im klassischen Rollendenken (die Frau bleibt zu Hause bei den Kindern / der Mann ist fürs Geldverdienen zuständig) nicht viel ändern. Jungen Mädchen rate ich diesbezüglich auch einmal einen kurzen Blick in die Vergangenheit zu werfen. Das Recht bei vollen Bezügen länger als sechs Wochen bei seinem Kind zu Hause zu bleiben, ist noch nicht sehr alt. Als ich 1969 geboren wurde, hatte meine Mutter als berufstätige Volksschullehrerin keine Wahl. Sie konnte nach meiner Geburt sechs Wochen Mutterschutz in Anspruch nehmen und ging danach wieder „ganz normal“ zur Arbeit. Unser Einfamilienhaus wurde gerade fertig gebaut und schließlich wollten meine Eltern meinen beiden Brüdern und mir eine gute Schulausbildung samt Studium ermöglichen….damals wie heute fast nur denkbar, wenn beide Elternteile berufstätig sind….

Auch Männer tragen Verantwortung für ihre Familien…

Mit dem abschließenden Film „Echte Männer gehen in Karenz“ starte ich den Versuch, verzopfte Vorstellungen zu klassischen Rollen in einer Familie ein wenig durcheinanderzuwirbeln und zum Weiterdenken anzuregen……zum Denken an ein Leben, in dem jeder Mensch – egal ob Frau oder Mann – gleiche Rechte und Chancen wahrnehmen kann. Andere Arbeitszeitmodelle wären ebenfalls eine Überlegung wert.

Liebe Anna, wir wünschen dir von ganzem Herzen viel Erfolg für dein Studium, deine berufliche Karriere und dein zukünftiges Familienleben. Vor allem aber wünschen wir dir, dass du all deine Entscheidungen in einer Welt treffen kannst, in der du dich nicht zwingend entscheiden musst. Solange das allerdings nocht nicht der Fall ist, werden wir und andere ExpertInnen daran arbeiten, diesen Wunsch in die Realität umzusetzen.

Liebe Grüße

Doris Kaucic-Rieger, akzente Frauenservice

Über Doris Kaucic-Rieger

Leiterin der akzente_Frauenservicestelle
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Eine Antwort zu Komfortzonen-Mama?

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