Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar…

Renate Ömer vom Bildungs- und Heimatwerk Niederösterreich entwickelt unter anderem Vorschläge zur Arbeit mit Social-Media-Anwendungen in der Basisbildung. Aber Basisbildung wendet sich in erster Linie an Erwachsene, die aufgrund verschiedener Lebensumstände Grundkenntnisse im Schreiben, Rechnen, Lesen und der EDV nicht ausreichend erlernt haben. Bis zu Social-Media scheint da ein weiter Weg zu sein. Wie dieser beschritten werden kann, wird sich sicherlich am 18. und 19 Juni bei der Tagung Zukunft Basisbildung „web literacy“ herausstellen, bei der auch wir mit einem Workshop vertreten sind. Renate Ömer auch.

In Österreich leben nach Schätzungen zwischen 300 000 und 600 000 Menschen, die nicht ausreichend die grundlegenden Kulturtechniken beherrschen. Wie meistern diese denn Alltag und ihr Berufsleben? Zu lesen und zu rechnen gibt es ja genügend Gelegenheiten? Wie kommen sie dem aus?

Renate Ömer: “ Sie versuchen natürlich, nicht in eine argumentative Notlage zu kommen. Nicht ausreichend lesen, rechnen oder schreiben zu können, erzeugt einen Rechtfertigungsnotstand für die Betroffenen: Wie konnte es so weit kommen? Behindert? Sonderschule? Psychisch krank? Bananenrepublik?  Angesichts solcher Zuschreibungen ist es besser, erst gar nicht in eine argumentative Notlage zu geraten. Alle die, die nie zu Konzerten, Infoveranstaltungen oder Reisevorträgen gehen, obwohl sie die Bilder auf den Plakaten neugierig machen würden, – weil sie vor Wörtern mit mehr als vier Buchstaben kapitulieren. Alle, die immer warten, bis sie von ihren Freunden auf dem Handy angerufen werden, ob sie bald kommen, weil sie die Uhrzeit nicht richtig ablesen können. In dem Bewusstsein, etwas nicht zu können, was schon Kinder lernen, leben sie unauffällig, angepasst, sorgsam darauf bedacht, dass keine unangenehmen Situationen entstehen: Rückgeld schnell eingesteckt, nicht zu lange vor dem Plakat stehengeblieben, so getan, als ob sie die Zeit übersehen hätten. Ihre Wege sind immer dieselben, die Arbeit immer die gleiche, die Freunde wechseln nie.Läuft das Leben in gewohnten Bahnen, ist alles in Ordnung. Bildungsdefizite sind unsichtbar.

Manchmal ändern sich die Umstände allerdings: Der Arbeitsplatz wird digitalisiert, neue Formulare eingeführt, auf den vertrauten Wegen wird umgebaut – der Bus fährt nicht mehr wie gewohnt, das Geld reicht nicht mehr aus, Vermeidungsstrategien greifen nicht mehr. Die Folge sind Demütigung, Rückzug und Isolation. Armut und Schulden kommen plötzlich zum Vorschein. Abhängigkeiten setzen unliebsame Mechanismen in Gang: Kündigung, AMS-Maßnahmen, Nachweis der Arbeitsfähigkeit, Gerichtsverfahren wegen unbezahlter Strafmandate … manche gehen lieber ins Gefängnis als sich zu outen. Das passiert nicht nur im Film.

Und dann? Wie kommt jemand dazu auch noch nach der regulären Schulzeit wieder zu lernen? Ist das überhaupt möglich?

Vielleicht kommt zu dem Zeitpunkt, an dem wirklich alles „aufzufliegen“ droht, ein Kontakt mit einer kompetenten Persönlichkeit zustande. Die treibt dann wahrscheinlich die Alfa-Telefonnummer auf oder weiß sogar Bescheid, welche Organisationen in der Umgebung dementsprechende Kurse anbieten. Ein echter Glücksfall. Denn: Erleichterung entsteht – „es gibt viele, denen es so geht, und die sind nicht blöd oder behindert“, Vertrauen und Anerkennung kommen: „Sie haben viel geschafft in Ihrem Leben!“, „Dieses Talent hilft Ihnen, noch mehr zu schaffen!“ Und das Beste: Die Lernbegleitung versteht es, Erfolge sichtbar zu machen und zu feiern. Ein wunderbares Gefühl.
Das Vertuschen hat ein Ende, wenn der Status quo festgestellt und angenommen werden kann. Das geschieht natürlich nur in einer vorbehaltlos wohlwollenden Umgebung. Je dichter das Netz und je kompetenter und aufmerksamer Leute, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene profitieren.

Aber haben denn Leute, die noch nie etwas gelernt haben auf einmal das Bedürfnis zu lernen?

Nun, vielleicht haben sie weniger das Bedürfnis zu lernen als zu wissen und zu können.  Die Aussicht auf den eigenen Lernerfolg und der erwartete persönliche und berufliche Nutzen sind die stärksten Zugpferde auf dem Weg zum Wissen und Können. Frauen und Männer haben da einen durchaus unterschiedlichen Zugang – aber das ist eine andere Geschichte.

Grundsätzlich braucht erfolgreiches Lernen bedarfsgerechte Netzwerke und offene Lernumgebungen mit vielfältigen Austauschmöglichkeiten. Ziel in der Basisbildung ist es – ausgehend vom persönlichen Lernstand – relevantes Wissen für den Lernprozess zu identifizieren, zu bewerten, zu beschreiben und gemeinsam weiterzuentwickeln. Menschen mit geringen Kenntnissen im Lesen, Schreiben, Rechnen und Computerbenutzung brauchen besondere Unterstützung hinsichtlich der (Selbst-)Motivation, der Selbstorganisation und der Bewertung der eigenen Lernfortschritte. Das setzt eine Offenheit im didaktischen und methodischen Handeln voraus, die auf die spezifischen Lernbedürfnisse eingeht.

Wer gerne mehr dazu wissen möchte, ist herzlich eingeladen die Tagung Zukunft Basisbildung in Graz zu besuchen, oder auf einen der Links zu klicken.

http://www.facebook.com/#!/profile.php?id=100003785464246
http://www.alphabetisierung.at/
http://www.basisbildung.at

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