Anerkannt!

Ganz bös‘ könnte ja zum Thema Dequalifizierung gesagt werden: Im Westen nichts Neues. 2007  zebrach sich zumindest die Zebratl-Redaktion schon darüber den Kopf. Im Kontext von arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen begneten einem/r damals immer wieder  Frauen mit – für Österreich etwas ungewohnt – technischen Berufsausbildungen, die sie anno dazumal hinter dem Eisernen Vorhang absolviert hatten; oder in Afghanistan. Hierzulande waren sie maximal Reinigungskräfte oder Küchenhilfen.
Nun schreiben  wird das Jahr 2012, Sozialminister Rudolf Hundstorfer ruft die Liste der Mangelberufe aus, die Wirtschaftskammer führt seit zwei Jahren ein Mentoring für MigrantInnen durch, die hochqualifiziert trotzdem keine Arbeit finden und  Edith Zitz und Mioara Girlasu von inspire analysieren woran es eigentlich hakt.

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Edith Zitz

Mag.a Edith Zitz, Diversitäts-Fachfrau

Wir hören ihn laufend, einen Klassiker in der Wirtschafts- und Arbeitswelt: die Universitätslektorin als Reinigungskraft, der Diplomingenieur als Taxilenker. Die Lage von gut ausgebildeten MigrantInnen, die in Österreich weit unter dem, was sie fachlich können, arbeiten, ist unter der Bezeichnung „Dequalifikation“ inzwischen wohlbekannt. Eine solche Erfahrung machen zwar auch ÖsterreicherInnen, aber bei weitem seltener als MigrantInnen. Zugleich kann man – je nach Temperament mit Schulterzucken, mit Fassungslosigkeit angesichts des Fachkräftemangels oder mit Ärger ob dieses „brain waste“ – feststellen, dass sich dazu jahrzehntelang politisch in Österreich sehr wenig getan hat. Wohl haben sich dazu NGOs engagiert und einige wenige Fachleute geäußert, die aber kaum breit wahrgenommen wurden. Erst die letzten zwei Jahre weisen auf eine erhöhte Aufmerksamkeit bei diesem Thema hin. So hat im Frühjahr 2012 eine Studie der Donau Uni Krems erstmals österreichische Zahlen, Daten, Fakten zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen (Nostrifizierungen, Nostrifikationen, Gleichhaltungen) auf den Tisch gelegt. Ihre Kernaussage: Sogar an Statistiken, wer wann wo mit/ ohne Erfolg sein Diplom zur offiziellen österreichischen Anerkennung einreicht, mangelt es, ebenso an einer echten Gesamtstrategie, die zum Mit-Anpacken einlädt. Heuer berief das Sozialministerium jedoch erstmals eine Arbeitsgruppe ein, die sich mit einem österreichweiten Konzept für Anerkennungs-Anlaufstellen befasste. Und im Rahmen der Integrationspartnerschaft Steiermark hat auch der Verein inspire mit Jahresanfang zusammen mit dem Land Steiermark (Integrationsressort), der Wirtschaftskammer und dem AMS das Projekt „Anerkannt!“ gestartet. Es beinhaltet Maßnahmen zur formalen Anerkennung der ausländischen Ausbildungen und zielt zugleich auch auf Respekt vor der gesellschaftspolitischen Vielfalt in unserem Bundesland ab, zu der neben Frau und Mann, Alt und Jung, eben auch Zugewanderte bzw. schon länger in der Steiermark Ansässige gehören.

 Was tut „Anerkannt!“ genau?

  • Wir haben die steirische Lage analysiert, und zwar aus Sicht aller Institutionen und AkteurInnen, die mit Anerkennungsabläufen befasst sind.
  • Wir entwickeln und kommunizieren konkrete rechtliche Empfehlungen zu den sehr komplexen ausbildungs- und berufsbezogenen Gesetzen.
  • Mit umfassendem Kontaktaufbau und Vernetzungsangeboten möchten wir dazu beitragen, dass die Anerkennung von Berufsqualifikationen, die MigrantInnen nach Österreich bereits mitbringen (oder auch ÖsterreicherInnen im Ausland erworben haben!) und mit denen sie in ihrem Herkunftsland oft schon beruflich erfolgreich waren, geordnet und transparent abläuft.
  • Wir bieten dazu gezielte Bildungsangebote an, die wir bedarfsorientiert schneidern. 

Aber was ist eigentlich so schwierig, an der Anerkennung einer Ausbildung?

Was die Behörden bei den „Anerkennungsverfahren“ tun, ist für Menschen, die damit keine Erfahrung haben, in schwer durchschaubaren rechtlichen Bestimmungen festgelegt. Allein, die richtige Stelle ausfindig zu machen, ist eine Herausforderung. Das kann einmal das Wirtschaftsministerium, dann wieder eine jeweilige Bundesländerstelle, die Fachhochschule oder die Bezirksverwaltungsbehörde sein. Dort die zuständige Ansprechperson herauszufiltern, dauert auch oft lange. Der Vergleich der Ausbildungen selbst kann eine mühevolle Kleinarbeit werden, da ja Berufsbezeichnungen, Lehrpläne, Praxiserfahrung etc. weltweit verglichen werden müssen, und auch die Entscheidung, ob die Ausbildung einer österreichischen „gleichwertig“ ist oder ob eine Nachschulung etc. nötig ist, braucht oft Zeit und hohe Kompetenz bei den Sachverständigen und den Behörden.

Was passiert ohne „Anerkennung“?

Auf diese formale Anerkennung zu verzichten, kann unangenehme Folgen sowohl für die ArbeitsgeberInnen haben, die nicht immer genau abschätzen können, was die ausländische Ausbildung „wert“ ist, als auch für ArbeitnehmerInnen/ Selbständige selbst:

  • Man wird möglicherweise unter seinem Niveau eingestuft,
  • man hat selbstverständlich keinen Berufsschutz,
  • und man erlebt wahrscheinlich eine Unterbrechung der beruflichen Laufbahn.

Gerade bei sozial wenig abgesicherten Migrantinnen besteht außerdem ein hoher Druck, rasch etwas zu verdienen, und die Wartezeit, bis die Diplome anerkannt sind (und das kann sich über viele Monate ziehen) ist oft zu lange: Man beginnt eine Tätigkeit, für die man weit überqualifiziert ist und bleibt dann dort stecken.

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Zum Beispiel Reinigungskraft oder Küchenhilfe.

Vielleicht kennen sie eine Person, die davon betroffen ist, vielleicht sind es auch sie selbst. Menschen mit deutscher Staatsbürgerschaft, die den größten Anteil von MigrantInnen in Österreich darstellen, stehen ebenfalls oft vor einem Fragezeichen, wenn sie versuchen zu bestimmten Ausbildungen ein Äquivalent in Österreich zu finden, um es anerkennen zu lassen. Ebenso diejenigen, die ein tolles Zertifikat im Ausland erworben haben, mit dem hierzulande aber wenig anzufangen „scheint“.

Beteiligung und Integration in einer Gesellschaft sind eine Sache, Anerkennung die andere…

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Weitere Links und Kontakte:
http://www.inspire-thinking.at/
Mag.a
Mioara Grilasu mioara.girlasu@inspire-thinking.at
Mag.a Edith Zitz edith.zitz@inspire-thinking.at

http://www.zusammenleben.steiermark.at/

Fachtagung 2012 Kompetenz-Los/ Linz 
http://www.migrare.at/cms1/

Über akzente

akzente - Zentrum für Gleichstellung und regionale Zusammenarbeit www.akzente.or.at
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