Mittlerweile wissen wir: Die Erde ist keine Scheibe.

Kommunikation ist ein spannendes Feld. Auch bei akzente bieten wir immer wieder Workshops zum Thema an und befassen uns mit unterschiedlichen Kommunikationstheorien und wie sich die Kommunikation in bestimmten Situationen verbessern lässt. So verfolgen wir auch mit Interesse, was KollegInnen aus unserem beruflichen Umfeld zum Thema sagen.

Dabei sind wir in der Kolumne von Wolfgang Binder (Psychologe) im Weststeirer auf folgende Aussage gestoßen:

„Generell neigen Männer genetisch bedingt eher dazu auf der Sachebene zu hören, dies ist vor allem evolutionär bedingt. D.h. wenn Frauen mit Männern kommunizieren, ist es für sie ratsam, genau zu sagen, was sie wollen. Im Gegenzug dazu sollten Männer in der Kommunikation mit ihren Frauen etwas empathischer kommunizieren und die Beziehungsaspekt miteinbeziehen.“

Säbelzahntiger und Lagerfeuerromatik als Kommunikationsratgeber

Kommunikationsratgeber für Frauen (und Männer) sind seit Ende der 90er Jahre ein Fixpunkt in jeder Buchhandlung und auch Teil vieler privater Bücherregale. Die Titel sind ansprechend und provokant („Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“/ „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ / Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken können“ usw.). Die Bücher sind einfach zu lesen, reihen Anekdoten aneinander, beziehen sich auf Studien, die nicht zitiert werden und knüpfen an Beobachtungen des Alltags an, die die meisten von uns schon mal erlebt haben.

Das Ziel: Männer und Frauen in Paarbeziehungen sollen sich besser verstehen bzw. Frauen, die erfolgreicher sein wollen, bekommen Tipps um „richtig“ und „besser“ zu kommunizieren.

Wie wird’s gemacht: Statt Kommunikationstheorien werden vor allem geschlechterstereotype Rollenbilder von Frauen und Männern bemüssigt, die mit vorgeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Gehirnforschung und der Evolutionstheorie (und den Erlebnissen mit dem eigenen Partner/der Partnerin, oder auch dem Nachbarn) belegt werden. Der Tenor geht eindeutig in die Richtung: Männer und Frauen sind so, weil sie ja gar nicht anders können. Wegen der Natur und so. Darum findet der Mann auch die Butter im Kühlschrank nicht. Säße ein Säbelzahntiger drinnen, der sich auch noch bewegt, wäre das überhaupt kein Problem.

Resultat: Alles bleibt wie gehabt, schließlich kann man/frau ja gar nicht anders und beide sollten sich halt ein bisserl bemühen.

Das klingt alles sehr einfach und logisch…auf den ersten Blick.

Wissenschaft statt Alltagsvermutungen

Auf den zweiten Blick muss allerdings eingeräumt werden, dass sich Theorien, auf die zur Erklärung bestimmter Phänomene zurückgegriffen wird, auch in ihrer wissenschaftlichen Reputation ändern. Aus gutem Grund. Die Medizin spricht mittlerweile generell von Hormonen, die in menschlichen Körpern zu unterschiedlichen Anteilen vorhanden sind (und zwar unabhängig von Geschlecht),  die Neurowissenschaften legen mittlerweile dar, dass unser Gehirn vor allem durch Erfahrungen, psychologische Einflüsse und Tätigkeiten lernt.

Begriffe wie Evolution, Gehirn und Genetik werden allerdings nach wie vor in populärwissenschaftlichen Publikationen gerne verwendet, weil sie nach „Natur“ ergo „das war immer schon so“ klingen und daher scheinbar keiner weiteren Nachforschungen oder Quellen bedürfen. Dass evolutionstheoretische Erklärungsmodelle aber nur schwer für die Erklärung von Kommunikationsproblemen herangezogen werden können, sollte deutlich werden, wenn wir uns näher damit beschäftigen, welche Funde zur Untermauerung dieser Thesen herangezogen werden können (etwa Knochen, Felsmalereien, Grabbeigaben und andere Alltagsgegenstände). Die Interpretation obliegt zudem unserer heutigen Vorstellung von Männern und Frauen.

Und was ist jetzt mit dem Kommunikationsproblem?

Zwischenmenschliche Kommunikationsprobleme sind durchaus keine Seltenheit. Das 4 Ohren Modell von Schulz von Thun, dass Wolfgang Binder in seinen Ausführungen ebenfalls erwähnt, ist sicherlich eine gute Basis, um sich näher damit zu beschäftigen. Verweise auf die Unveränderlichkeit und die Allgemeingültigkeit von Geschlechterstereotypen sind dabei aber wenig produktiv und bedingen vor allem eine Verfestigung von Zuschreibungen und damit rollenkonformes Verhalten, statt dass sie zu einem wirklichen Verständnis des Gegenübers führen. Sie verstellen die Sicht auf individuelle Charaktereigenschaften, Erfahrungen und Verhaltensmuster und lenken von der eigentlichen Frage nach der Problemlösung ab.

Die Geschlechterdichotomie hinsichtlich rational vs. emotional ist übrigens ein Konstrukt aus der Tradition der europäischen Philosophie und wird gerne auch im kolonialen Kontext ganzen Bevölkerungsgruppen übergestülpt. Daher sind diese Zuschreibungen auch wenig haltbar im Rekurs auf naturwissenschaftliche Disziplinen.

Für alle, die gerne auf der Sachebene argumentieren, empfehlen wir, um auf dieser zu bleiben, sich den neuesten Erkenntnissen der Geistes- und Naturwissenschaften zuzuwenden anstatt  Alltagsbeobachtungen und populärwissenschaftliche Ratgeber zu bemühen.

Über akzente

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